Junge brauchen Perspektiven

Quelle: Joel Weibel/Der Bund, 20.04.2009

Wohlstand und instabile Familien – mögliche Ursachen für Jugendgewalt waren am Podium am Samstag im Theater National schnell gefunden. Sehr viel schwieriger gestaltete sich die Suche nach Lösungen.

Was sind die Ursachen von Jugendgewalt, und wie lässt sie sich bekämpfen? Diesen Fragen widmete sich eine Diskussionsrunde am Samstagabend im Theater National. Anlass für das Gespräch war die Aufführung des Jugendmusicals «Underground» («Bund» vom 11.01.09). Der Rapper und Theologie-Student Sent, mit bürgerlichem Namen Stefan Fischer und Koproduzent des Musicals, eröffnete als Moderator das Podium. «Was ist passiert mit den Jugendlichen?», fragte er die Runde. Er wollte wissen, weshalb die Jungen vor allem Schlagzeilen über Drogenexzesse und Gewalt lieferten.

«Der Wohlstand ist schuld»

Aus der Sicht von EVP-Nationalrat Walter Donzé liegt das Problem in der Wohlstandsverwahrlosung: «Durch den Wohlstand sind wir nicht mehr aufeinander angewiesen, dadurch entstehen weniger Beziehungen, und die Jugend wird vernachlässigt.» Grossrätin Dorothea Loosli (grüne) sieht ebenfalls im Wohlstand eine Ursache: «Es gibt nichts Erstrebens wertes mehr. Es ist sinnlos geworden, sich für etwas einzusetzen.» Erich Hess, Präsident der Jungen SVP Schweiz, macht den ausgebauten Sozialstaat für Jugendgewalt verantwortlich. Als Beispiel nannte er die Kinderkrippen, welche dazu führten, dass «Kinder weniger gut erzogen werden, als wenn sich die Eltern mehr Zeit für ihre Kinder nehmen würden».

Daniel Goldstein, Gesellschafts-Redaktor des «Bund», widersprach: «Der Staat serviert nicht jedem seine Existenz, im Gegenteil, es ist härter geworden.» Ausserdem kritisierte er die Politiker allgemein: Jede Partei berufe sich darauf, dass ihre Rezepte zu wenig umgesetzt würden, statt Lösungen zu suchen. SP-Nationalrat Ricardo Lumengo verortet das Problem eher in der Familie: «Eine instabile Familiensituation ist ein Risikofaktor, dazu wird bald die instabile Lage in der Wirtschaft kommen.» Donzé erkennt dagegen in der Wirtschaftskrise eine Chance: Sie ermögliche, die Sinnkrise zu überwinden. Allerdings sieht auch er die Familie als wichtigstes Element in der erfolgreichen Bildung der Jugendlichen. «Aber auch gute Eltern können Problemkinder haben.»

Integration und Chancen

Neue Ansätze waren am Podium kaum zu hören. Auch die anschliessende Integrationsdebatte ähnelte Altbekanntem. Donzé betonte, dass die Integration häufig mit vielen Erwartungen verknüpft sei. «Wichtig ist, dass wir den Jungen sagen: Du gehörst zu uns.» Dem pflichtete Lumengo bei: «Noch wichtiger ist aber, dass die Jugendlichen eine Zukunftsperspektive haben, also eine Lehre machen können und Jobs bekommen.» Dazu sei wichtig, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund die Sprache und die Sitten lernten, ohne ihre kulturellen Wurzeln aufzugeben.

Damit ist Hess einverstanden: «Aber das funktioniert nur, wenn die Mehrheit in einer Klasse Schweizer ist. Wie soll sich ein Ausländer integrieren, wenn die Klasse zu 90 Prozent aus Ausländern besteht?» Goldstein pflichtete ihm bei: «Gettobildung muss verhindert werden. 80 bis 90 Prozent Ausländer in einem Quartier sind zu viel.» Hess doppelte nach: «Zu viel Salz in der Suppe ist nicht gut.» Der 16-jährige Yannic Meier, Schauspieler im Musical, konterte souverän: «Nicht alle haben den gleichen Geschmack.» Der Rapper, Prediger, Sozialarbeiter und Initiant des Musicals, Gleam Joel alias Joel Ogolla, wies darauf hin, dass Integration auf allen Ebenen geschehen müsse. «Ich respektiere es, wenn von Immigranten Leistung gefordert wird. Aber die Leistung muss auch belohnt werden. Was nützt es, wenn ein Jugendlicher aufgrund seines Nachnamens keine Lehrstelle findet?»